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Der stille Aktivismus der The Lissome-Gründerin Dörte de Jesus.

 

Mit der Serie Faces stellen wir inspirierende Frauen vor, die in ihrer Arbeit und privat ihre eigene Sicht auf unsere Welt, auf Schönheit, Impact und Neugierde leben. Dazu gehört u.a. Dörte de Jesus, Creative Director und Gründerin von Lissome, die ihre ungebrochene Einstellung zur Nachhaltigkeit und Achtsamkeit mit uns teilt. 

 

Text: Friends of Friends
Fotografie: Stefan Dotter

Ihre frühe Kindheit verbrachte Dörte de Jesus in Norddeutschland. Zahlreiche Erkundungstouren entlang der weiten Felder und dem Meer formten in ihr ein starkes Fundament für die Liebe zur Natur und den Respekt für die Unabhängigkeit. Nach Jahren in der Modewelt, unter anderem beim Elle Magazine, begann sie sich für nachhaltige Mode zu interessieren und beschäftigte sich eingehend mit den wirtschaftlichen, ökologischen und systemischen Auswirkungen der Branche. In der Konsequenz liegt ihr Fokus seitdem darauf, ganzheitliche und alternative Wege zu finden, Mode, Schönheit und Zukunftsfähigkeit miteinander zu verbinden. Heute arbeitet sie als Kreativdirektorin, Designerin und Redaktionsleiterin des The Lissome Magazine, einem „regenerativen“ Modemagazin, das sie zusammen mit der Fotodirektorin Anna Rosa Krau, der Modedirektorin Sophia Schwan und einem internationalen Kollektiv aus Kreativen kuratiert. Dörte ist der festen Überzeugung, dass Entschleunigung und die Fähigkeit, für sich selbst Sorge zu tragen notwendig sind, um anderen Menschen und dem Planeten etwas Gutes tun zu können.

Die Freude am Schaffen, sowie genügend Zeit für Ruhe und Kontemplation stehen bei jedem ihrer Projekte an vorderster Stelle. So schafft sie sich den Raum, den sie benötigt, um authentisch und intellektuell zu arbeiten, ohne gleichzeitig ihre angeborene Neugierde einbüßen zu müssen. Bei einem Besuch in ihrem Berliner Zuhause spricht Dörte über Praktiken, die die Balance fördern, über ihre Inspirationsquellen und den Pakt, den sie mit sich selbst geschlossen hat: niemals müde zu werden.

"Momente der Schönheit sind solche, in denen ich ein Gefühl der echten Wertschätzung erlebe."

Wie, glaubst du, können wir entschleunigen, wenn wir es bisher noch nicht gemacht haben?

Ich schaffe das selbst erst jetzt nach und nach, seitdem ich mich selbständig gemacht habe. Als ich noch für Designagenturen und bei Frauenzeitschriften gearbeitet habe, war das schwierig. Dieses Arbeitsumfeld kann sehr ungesund sein. Außerdem hat es eine Weile gedauert, bis ich mich nicht mehr schuldig dafür fühlte, mir Zeit für mich zu nehmen. Dieser Druck ist uns kulturell oder gesellschaftlich eingeimpft worden. Es gibt einen inspirierenden Instagram-Account namens The Nap Ministry, auf dem darüber gesprochen wird, dass wir in einer Hetz-Kultur leben und wie das ein System antreibt, in dem Profits um des Profits willen gemacht wird. Indem wir uns davon distanzieren und bewusst Pausen machen, ermöglichen wir ein neues System oder eine neue Lebensweise. Seit ich diese kenne, habe ich angefangen zu denken: "Ok, Revolution! Ich ruhe mich aus."

Ich möchte noch hinzufügen, dass Ania Zoltkowski, eine unserer Autorinnen, in der letzten Ausgabe von The Lissome einen Artikel mit dem Titel A Sensual Awakening ('Ein sinnliches Erwachen') geschrieben hat, in dem es um Genuss-Aktivismus und Ruhe geht. Das war ein sehr wichtiger Artikel für mich. Ich glaube, im Leben geht es darum, Freude zu erleben und zu teilen. Glück kann einen großen Sog entwickeln. Wie können wir etwas schaffen, das für uns und andere aufbauend und sinnvoll ist, wenn wir uns selbst von Stress und Angst einnehmen lassen?

 

Was war der Auslöser dafür, für dich selbst zu sorgen und deine Zeit zu schützen?

Am Anfang war es ein theoretisches Verständnis, das mich dazu brachte, meine Gewohnheiten zu ändern. Ich las Robin Wall Kimmerers "Braiding Sweetgrass". Ein sehr wichtiges Buch für mich, weil es mir klar machte, dass wir nicht voneinander getrennt sind und dass unsere Handlungen eng miteinander verbunden sind. Als ich über diese Betrachtungsweise der Vernetzung las, begann ich, die (natürliche) Welt in einem anderen Licht zu sehen. Es ist für mich wichtiger geworden, in der Natur zu sein und zu versuchen, bewusster durch die Welt zu gehen. Ich meditiere und praktiziere außerdem Tapping. Kürzlich hatte ich meine erste Reiki-Behandlung, die ich sehr genossen habe. Und Blütenessenzen! Es gibt sehr viele Hilfsmittel, die uns helfen können, uns unserer selbst bewusster zu werden.

Wir müssen innere Arbeit leisten, um die Welt aus einer ausgewogeneren Position heraus steuern zu können. Bewusstsein zu schaffen, indem wir uns unseren Schatten stellen, unsere Konditionierung hinterfragen, über gewaltfreie Kommunikation lernen – sich für diese Art der Reflexion zu interessieren, ist sehr wichtig, denn das wirkt sich auch auf die Außenwelt aus. Indem wir uns selbst Liebe, Akzeptanz und Achtsamkeit entgegenbringen, schaffen wir die Möglichkeit, eine neue Beziehung zu uns selbst aufzubauen, sowie eine tiefere Verbindung zur Natur und den Menschen in unserem Umfeld.

Dieses Interview ist Teil von "Ein anderer Blick auf Kosmetik", einer Content-Reihe, die in Zusammenarbeit mit Friend of Friends produziert wird. Jedes Profil wirft ein Licht auf Frauen, die sich der Verantwortung für ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel bewusst sind und stellt weibliche Kreative vor, die konventionelle Denkweisen in ihrem Bereich in Frage stellen. Mit Leidenschaft und Überzeugung demonstrieren diese inspirierenden Persönlichkeiten Integrität, Innovation und Neugierde. Neben Dörte de Jesus werden in dieser Reihe auch die Journalistin, Fotografin und VR-Filmerin Julia Leeb und die digitale Modedesignerin und Innovatorin Amber Jae Slooten vorgestellt.

Du scheinst interessiert an Forschung und lebenslangem Lernen. Woher rührt deine Neugierde?

Uns umgibt so unglaublich viel Weisheit. Wenn man erst einmal den Reiz am Lernen erlebt hat, fühlt sich das aufregend und empowering an – es macht regelrecht süchtig. Während meiner Kindheit haben mir meine Eltern jeden Abend etwas vorgelesen. Das war wahrscheinlich eines der größten Geschenke, die sie mir gemacht haben. Das hat mir die Freude am Lernen beigebracht und einen unstillbaren Wissenshunger in mir entfacht. Was ich an der Arbeit an unserem Magazin besonders liebe, ist, dass wir jede Ausgabe monothematisch bearbeiten. Das zwingt mich, sehr konzentriert und gründlich zu dem jeweiligen Thema zu recherchieren und gesammelte Informationen dann sinnvoll zu organisieren. Zusätzlich habe ich dadurch viel über unterschiedlichste Themen wie Lokalisierung, Gemeinschaftsgüter, Handwerk oder regenerative Praktiken gelernt.

Ich habe vor kurzem Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation ('Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die primitive Akkumulation') von Sylvia Federici gelesen. Ich habe es vor allem deshalb gelesen, weil ich die Wurzeln des Kapitalismus und die Szenarien rund um seine frühen Erscheinungsformen verstehen wollte. Ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem sich etwas Grundlegendes ändern muss, und wir neue Systeme brauchen.

Zuvor wollte ich aber auch das System verstehen, das nicht (mehr) funktioniert. Mich interessiert, was Federici über das Gemeingut, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, frühe Landeinnahmen und Privateigentum sagt. Ich habe immer das Bedürfnis, tiefer in Themen einzusteigen, mehr herauszufinden. Dabei muss man aber auch immer darauf achten, dass die Informationen gut recherchiert und fundiert sind.

 

Aktuell gibt es einen Trend zur Nachhaltigkeit in Beauty und Fashion. Was sind die positiven Seiten daran und was die negativen?

 Im Moment besteht die Gefahr, dass viel mit Worten um sich geworfen wird, die im Hinblick auf transparente Praktiken sehr wenig bedeuten. Marken behaupten vielleicht etwas, aber es mangelt oft an Beweisen dafür, ob diese Behauptungen auch wahr sind. Es ist wichtig, sich zu fragen, was man konkret mit gewissen Worten meint. Ich verwende zum Beispiel nicht gerne das Wort Nachhaltigkeit, weil es mir nicht ehrgeizig genug ist. Nachhaltigkeit reicht nicht mehr aus. Ich bevorzuge regenerativ. Es ist an der Zeit, nicht nur den jetzigen Zustand zu erhalten, sondern den Schaden zu reparieren, den wir angerichtet haben. Und neue Wege zu schaffen, die nährend statt erschöpfend sind.

Sophia Schwan, unser Fashion Director, ist von den Praktiken der Permakultur fasziniert. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Berlin und experimentiert mit allen möglichen Methoden der Gartenarbeit und des Design. Diese sollen die Landschaft reparieren und Systeme schaffen, die intelligent und ganzheitlich funktionieren. Das ist spannend, weil es nicht um kurzfristiges, sondern um langfristiges Denken und Planen geht.

 

Wie können wir als Kultur diese Gewohnheit des kurzfristigen Denkens durchbrechen?

Ich finde es hilfreich, indigene Traditionen zu erforschen, da diese tief in einer generationenübergreifenden Betrachtungsweise verwurzelt sind. Wenn wir zum Beispiel an die nächsten sieben Generationen denken, führt das hoffentlich zu einigen ganz anderen Entscheidungen. Langfristig zu denken, besonders über unsere eigene Lebenszeit hinaus, könnte unsere Prioritäten drastisch verschieben, unseren Horizont erweitern und unser Verhalten ändern. Diesem Denkansatz folgend, sind wir während unserer Lebenszeit eher Hüter oder Verwalter. Es ist unsere Aufgabe, die Erde zu schützen und für die Zukunft zu erhalten.

 

Ich glaube außerdem, dass die Rückbesinnung auf Schönheit uns zum Handeln inspirieren kann. Wir sind winzig kleine Flecken in einem riesigen Universum, das es schon so lange gibt. Es ist ein solches Wunder. Momente, in denen wir uns mit unserem Heimatplaneten und all seinen Geheimnissen verbunden fühlen, können uns hoffentlich dazu bewegen, unsere Erde zu schützen.

An dieser Stelle finden Sie eigentlich ein passendes Video. Leider dürfen wir Ihnen dieses erst anzeigen, wenn Sie die Marketing-Cookies für diese Webseite akzeptieren. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung Einstellungen bearbeiten

Was ist deine Beziehung zu Mode?

Der theatralische Aspekt von Mode und wie viel Selbstausdruck sie erlaubt, hat mir schon immer gefallen. Das hat etwas sehr verspieltes. Natürlich kann auch das Gegenteil der Fall sein. Wenn man sich gezwungen fühlt, der Mode wie einem Regiment zu folgen oder mit dem neuesten Trend Schritt halten zu müssen, macht das nicht viel Freude. Ich interessiere mich nicht für Mode als eine weitere Reihe von Regeln, die man kennen und befolgen muss. Experimentierfreude und Verspieltheit waren für mich schon immer die spannenderen Aspekte.

Nachdem ich einige Jahre für Zeitschriften und somit in der eher traditionellen Modewelt gearbeitet hatte, begann ich mich für nachhaltige Mode zu interessieren. Ich habe viel recherchiert und festgestellt, dass der Dialog und die Kommunikation rund um nachhaltige Mode sehr faktenorientiert war. Ich habe die Schönheit, die Freude und das Wundersame vermisst – Aspekte, die so anziehend sind und Menschen überhaupt erst für die Modebranche begeistern. Etwas sehr Wesentliches fehlte in der Kommunikation über nachhaltige Mode. Und zwar Schönheit. Geschichten erzählen, die zum Nachdenken anregen, auf eine schöne, sanfte und inklusive Art und Weise - das ist die Essenz unserer Arbeit bei The Lissome.

 

Was bedeutet Schönheit für dich?

Es gibt eine Folge von On Being, einem Podcast mit Krista Tippett, in der sie John O'Donohue interviewt. Die Folge heißt 'The Inner Landscape of Beauty' ('Die innere Landschaft der Schönheit'). John’s Perspektive auf das Thema ergab sehr viel Sinn für mich - ich erlebte beim Hören einen richtigen Aha-Moment. Er sprach darüber, wie wir als Kultur Schönheit mit Glamour und einem standardisierten und oberflächlichen Glanz verwechseln. Aber Schönheit ist etwas ganz anderes.

Für mich ist Schönheit etwas, das die Seele berührt. Sie sollte uns Ehrfurcht vor dem Leben vermitteln, so wie es die Natur beispielsweise kann. Momente der Schönheit sind solche, in denen ich ein Gefühl der echten Wertschätzung erlebe.

 

Die Welt scheint von so viel Zynismus erfüllt zu sein, besonders in Bezug auf die Zukunft oder Hoffnung im Allgemeinen. Du kommst so erfrischend aufrichtig und authentisch rüber. Woher kommt das?

Als ich um die zwanzig Jahre alt war, hatte ich einen sehr engen Freund aus den USA, der auf meine High School ging. Er schrieb mir eines Sommers: "Ich gehe mit dieser Hardcore-Punk-Band auf Europa-Tour. Wenn du mitkommen möchtest, bist du herzlich eingeladen." Ich begleitete sie für zwei oder drei Wochen auf ihrer Tournee. Sie spielten sehr laute, aggressive Musik, waren aber gleichzeitig herzlich gute Jungs und voller Lebensfreude. Ich erinnere mich daran, wie einer von ihnen einmal sagte: "Ich schwöre mir, dass ich nie, nie müde werden werde." Diese Aussage bewegte mich so tief, dass ich ebenfalls einen Pakt mit mir selbst schloß, nie und nimmer müde zu werden. Ich denke immer noch manchmal an diese Zeit zurück. Ich habe diese Punkrock-Jungs seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen, aber sie haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine Art Anker braucht, um aufrichtig und optimistisch bleiben zu können. Während der Pandemie habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sich auszuruhen, Pausen zu machen und sich Freiräume zu schaffen. Ich will nicht durch’s Leben hetzen. Im Gegenteil - ich brauche immer mehr Zeit, um zu entschleunigen, einfach nur zu sein, zu atmen und mich auf den Moment zu konzentrieren. Entschleunigung ist eine Art Vertiefung unseres Bewusstseins, des Einstimmens auf unsere Sinne und des Vertrautwerdens mit einer Welt, die lebendig ist. Auch mit Werten wie Aufrichtigkeit oder Authentizität bleiben wir so eher in Verbindung.